Von Christina Law-McLean IBCLC
Heute habe ich einen wunderbaren Artikel von Janet Lansbury gelesen, der mir nicht nur aus dem Herzen spricht, sondern etwas behandelt über was ich schon lange schreiben wollte, weil ich bereits selbst damit aufgewachsen bin und es auch aus professioneller Perspektive den Eltern die ich berate gerne nahelege.

Mit Babys sprechen

Es ist eine langwährende Tradition in meiner Familie, mit Babys und Kleinkindern zu sprechen und sie als gleichberechtigte Partner zu sehen, lange bevor sie einem ganz offensichtlich signalisieren können, dass sie verstanden haben und lange bevor sie wirklich antworten. Meine Großmutter, die ihre Kinder in der unmittelbaren Nachkriegszeit bekommen hat in welcher die meisten Eltern den unsäglichen Lehren von Johanna Haarer oder vergleichbaren NS-Zeit beeinflusster Kindererziehungsideologien nachhingen, folgte wunderbarerweise von Anfang an ihrer Intuition. Sie praktizierte Stillen absolut nach Bedarf, ließ keine Kinder schreien und weigerte sich demzufolge vehement, ihre Kinder in den ersten Nächten durchschreien zu lassen, bis sie „durchschliefen“. Eine weitere Sache, die sie und mein Großvater instinktiv machten, war mit Babys und Kindern zu reden, ganz normal. Sie sahen ihre Kinder und auch uns Enkelkinder von Anfang an als mündige Wesen.

Babys verstehen auf ganz vielen Ebenen

Zwar habe ich das bei meinen Kindern ganz selbstverständlich übernommen, die tiefe Wahrheit hinter diesem Ansatz konnte ich aber erst später in meiner beruflichen Tätigkeit begreifen. Auch als Kinderkrankenschwester und Stillberaterin spreche ich schon immer viel mit den Babys, denn ich bin der tiefen Überzeugung, dass die Babys dies auch tun. Nicht in formulierten Worten, aber durch Schreien, Gesten und Mimik. Und unzählige Male habe ich erlebt, wie man eindeutig merken konnte, dass Neugeborene bereits viel mehr von dem verstehen was wir sagen als den meisten bewusst ist. Andere erfahrene Neugeborenen- oder Wochenbettschwestern bestätigen das vermutlich durch die Bank. Jede kann von einem oder mehreren Erlebnissen berichten, wie auch ich sie oft hatte:
Gerade hat man Mutter und Kind vom Kreißsaal übernommen und hat das ruhige Baby selbst auf dem Arm oder es kuschelt bei der Mutter. Und wenn man dann Übergabe mit der Kollegin macht und beispielsweise über schwierige Momente der Geburt gesprochen wird, kann man nur zu oft miterleben, wie das Neugeborene als Reaktion unvermittelt anfängt zu wimmern oder zu weinen.

Babys erzählen uns etwas und wir sollten den Dialog aufnehmen

Wie ich in meinem letzten Blog-Beitrag bereits geschrieben habe, bin ich überzeugt, dass Neugeborene „erzählen“ und dadurch verarbeiten. Und was läge näher, als diesen Dialog aufzunehmen und ihnen unsere Sicht der Dinge zu erzählen. Babys „fühlen“ unsere Emotionen sowieso, da ist es mehr als fair, wenn wir ihnen erklären, warum wir uns unsicher, traurig, glücklich oder verwirrt fühlen. Das gibt den Babys Sicherheit und uns hilft es unsere eigenen Gefühle anzunehmen. Gerade in der bewegten Zeit nach der Geburt ist das hilfreich für alle Beteiligten: Sortieren Sie Ihr Gefühlschaos gemeinsam mit ihrem Baby!
Stell Dir einmal vor, Deine beste Freundin sitzt da und weint jämmerlich. Wenn Du keine Ahnung haben warum dies so ist, würdest Du vermutlich verunsichert sein und die Freundin fragen, was denn los sei. Sie würde vermutlich anfangen es zu erzählen und Ihr beide würdet in ein Gespräch darüber kommen was passiert ist.
Genau das kannst Du auch mit Deinem Baby machen. Und es hilft Euch beiden, gestärkt aus der Situation hervorzugehen.
Und: Deiner Freundin würdest Du auch nicht unterstellen, dass sie sich hinsetzt und weint um Dich zu ärgern oder zu manipulieren. Oder? Bei Deinem Baby ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Dich mit Weinen oder Schreien manipulieren oder ärgern will noch viel geringer, nämlich gleich null! Babys machen so etwas nicht, auch wenn es  eine Frau Haarer und Kollegen so unterstellten und sich diese Verdachtsvermutung tief in das Bewusstsein vieler eingegraben hat.

Deinem Baby gegenüber kannst Du ehrlich und wahrhaftig sein

Wenn Du jemandem gegenüber all Deine Unsicherheiten und Verletztheiten Deiner Geburt und Wochenbettzeit beruhigt äußern kannst, dann ist es Dein Baby! Wie bereits gesagt, es fühlt Deine Emotionen dazu so oder so, aber es fühlt nur DASS es Dir nicht gut geht mit etwas oder DASS Dir etwas Angst macht, es kann nicht automatisch fühlen warum. Da macht es Sinn, Dinge wie „Ich bin so unsicher ob du satt bist!“ oder „ich hatte solche Angst um Dich bei der Geburt“ oder auch „ich bin so unendlich erschöpft!“ nicht nur zu fühlen, sondern auch ganz offen zu artikulieren.
Das unterbricht auch den Teufelskreis in dem sich viele frischgebackenen Mütter, gerade beim ersten Kind oft befinden: Kind schreit- Mutter ist verunsichert- Baby fühlt dass Mutter verunsichert ist, weis aber nicht warum- Kind ist zusätzlich zum „Grundproblem“ noch mehr verunsichert und schreit noch mehr- Mutter ist noch mehr verunsichert-……….

Emphatisch gegenüber anderen sein können

Diese Art von Dialog mit Ihrem Baby von Geburt an gibt nicht nur Ihrer Beziehung eine wunderbare zusätzliche Ebene und erleichtert Dir und Deinem Baby das gemeinsame Familienleben. Es hilft Deinem Kind auch, für später zu lernen, die Gefühle anderer zu interpretieren und entsprechend auf diese einzugehen bzw. zu reagieren.

Also, kommentiere Deine Gefühlswelt, erkläre Deinem Baby seine Umwelt, erzähle Deinem Baby vom Rest der Welt und werde dadurch ein beständiger und verlässlicher Teil seiner Welt, auch wenn bei Dir manchmal Gefühlschaos herrscht, das ist ganz normal und auch das darf Dein Baby wissen.
Wenn es Dir peinlich ist diese Dinge laut und deutlich zu sagen,…Dein Baby versteht Dich auch, wenn Du flüsterst.
Meine Großmutter zuckte nur immer mit den Schultern, wenn jemand fragend oder verwirrt schaute und fügte leicht entschuldigend hinzu „Wir sehen unsere Kinder eben schon gleich als vollwertige Individuen!“
Und ich kann nur sagen: Wie schön, so aufgewachsen zu sein!

In diesem Sinne: Entspannt stillen!
Ihre Christina Law-McLean
Foto: Angelika Küfner


Zu den erwähnten Autoren der NS-Zeit und deren Büchern gibt es einige Sekundärliteratur. So zB:
Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind: Über zwei NS-Erziehungsbücher“ Broschiert – 2010 von Sigrid Chamberlain, und andere.

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