Von Christina Law-McLean IBCLC

Wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen bin auch ich schockiert von den gerade im Internet auftauchenden Artikeln die durch diese höchst fragwürdige Australische Studie angestoßen wurden, welche nachgewiesen haben will, dass es Babys angeblich keinen Schaden zufüge wenn man sie schreien lasse. Ohne die Studie wirklich im Detail analysiert zu haben lassen die Eckdaten des Studiendesigns (hoffentlich) jeden halbwegs vernunftbegabten Menschen bereits bei flüchtigem Ansehen an der Aussagekraft der Schlussfolgerungen zweifeln.
Bei einer Gruppe von um die 15 Babys (!!!) die „geferbert“ wurden, also „kontrolliert“ schreien gelassen wurden ergab eine Messung des Stresshormons Cortisol am nächsten Morgen keine nennenswerten Erhöhungen.

Stell dir vor du hast schlimmen Liebeskummer

Aber so richtig heftig! Stell dir vor, dein Partner hat dich von einem Tag auf den anderen verlassen und deine Welt hat sich auf den Kopf gestellt, deine Gedanken kreisen, du weist in diesem ersten Moment nicht wie es weitergeht und nach schier endlosem ins Kissen Schluchzen bist du irgendwann erschöpft in einen albtraumgefüllten Schlaf gesunken. Du wachst am nächsten Morgen (mit verquollenen Augen und etwas Kopfweh) auf und ein Wissenschaftler nimmt dir Blut ab. Er analysiert deinen Cortisolwert, der sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht nahe dem Normalwert bewegt. Er teilt dir mit, dass alles in Ordnung ist. Ist es das? Würdest Du zustimmen? Vielleicht ist dein Cortisolspiegel in diesem Moment in Ordnung, vielleicht schaffst du es auch, dir an diesem Tag bei der Arbeit nichts davon anmerken zu lassen, wie verletzt du innerlich bist. Aber würdest du dann sagen, alles ist in Ordnung?

Spinnen wir den Vergleich mal weiter: Dein Partner kehrt noch an diesem Morgen zu dir zurück als wäre nichts gewesen, aber nur um dich alle Tage wieder erneut zu verlassen. Würdest du ihn als „verlässlichen Herzensmenschen“ bezeichnen? Würdest du ihm vertrauen?
Vermutlich nicht! Und nehmen wir an du bleibst dennoch weiter in dieser „Beziehung“, so würdest du dich vermutlich mehr und mehr nach innen zurückziehen, die Fassade aufrecht erhalten aber innerlich lernen: Ich kann mich bei ihm auf nichts verlassen!

Ehrlichgesagt ist es mir ein Rätsel, warum Eltern einem Baby diese Verzweiflung absichtlich und bewusst zufügen wollen.

Ja, Babyschreien kann furchtbar zermürbend sein

Egal ob dein Baby unter die Definition „Schreibaby“ fällt oder nicht, es ist eine für alle Seiten zermürbende Situation. Das will ich absolut nicht kleinreden. Nur, meine langjährige Erfahrung zeigt mir einfach, dass eine solche Situation -wenn Eltern unter dem häufigen Schreien und der Unruhe ihres Kindes leiden- so vielschichtig ist, dass sie weitaus umfassenderer und mitfühlenderer Hilfe bedarf als ein solches „Schlaftraining“.
Es gibt hierfür wirkliche Experten, welche Eltern in solchen Situationen begleiten und helfen. Experten die sich die gesamte Situation ansehen.

Was hat „Schreienlassen“ mit dem Stillen zu tun?

Eine Menge! Was mich an „Schlaflernprogrammen“ ganz grundlegend und von vornherein stört, ist dass zwei Dinge ungut vermischt werden „Bedürfnisse“ und „Erziehung“. Wenn ein Neugeborenes, ein Säugling oder ein etwas älteres Baby weint steckt etwas dahinter. Und hierbei darf man unter keinen Umständen „Bedürfnis“ mit Manipulation oder ähnlichem gleichsetzen.
Wenn ein Baby nach Bedarf (also seinen Bedürfnissen entsprechend) gestillt wird, auch wenn es in Phasen stündlich oder sogar mehrfach in der Stunden ist, wird es nicht verwöhnt, trainiert man es damit nicht zum „Tyrannen“ sondern man erfüllt seine ganz grundlegenden Bedürfnisse nach Nahrung und Nähe.
Und nochmal: Damit kann man ein Kind nicht verwöhnen. Erfüllen eines Bedürfnisses ist kein Verwöhnen. Punkt!
Klar gibt es im Leben des Kindes einen Punkt in dem es mit liebevoller Konsequenz von den Eltern die Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens näher gebracht bekommt. Klar gibt es dann auch sicher einmal die Situation, dass es empört und trotzig schreit, weil es beispielsweise eine Regel noch nicht nachvollziehen kann. Aber eine solche Situation hat zum einen nichts mit einem nähebedürftigen schreiendem Säugling zu tun und zum anderen wäre selbst in einer solchen Situation ein komplettes Ignorieren der Situation nicht zu empfehlen.

Stillen nach Bedarf ist unerlässlich für die Balance von (Milch-) Angebot und Nachfrage

Mal abgesehen davon, dass „Schreienlassen“ die psychische Gesundheit des Babys und deine Beziehung mit deinem Baby gefährdet, bringt das Ignorieren des Bedürfnisses Hunger und/ oder Nähe auch die feine Balance von (Milch-)Angebot und Nachfrage zwischen dir und deinem Baby durcheinander. Das Bedürfnis des Babys an der Brust zu trinken zu übergehen kann dann zusätzlich dazu führen, dass du nicht nur ein Baby hast welches sein Urvertrauen verloren hat, sondern es kann auch zur folge haben, dass du nicht mehr ausreichend Milch für dein Baby und ev. noch weitere Stillprobleme haben wirst.

Eine der Geschichten die meine wunderbare Großmutter mir als Kind immer wieder erzählt hat und die sie zu meinem Stillvorbild machte ohne dass ich sie jemals hätte stillen sehen war, dass sie nachdem ihr erstes Kind geboren wurde (meine Mutter) mit ihrer gespendeten Muttermilch noch mehreren weiteren Säuglingen durch die schwierige entbehrungsreiche Nachkriegszeit geholfen hat (Damals war künstliche Nahrung nicht immer und wenn dann teilweise in schlechter Qualität zu haben).

Im Nachhinein bin ich mir inzwischen sicher, dass der Grund warum meine Oma soviel Muttermilch hatte, dass einen Teil davon spenden konnte folgender war: In einer Zeit (1946) in welcher sich der Umgang mit Säuglingen zum größten Teil nach den unsäglichen nazi-beeinflussten Lehren der Johanna Haarer orientierte, waren meine Großeltern das was man heutzutage „Attachment Parenting- Eltern“ nennen würde.
Meine Mutter und ihre Geschwister hatten das Glück, dass sie weder durchschreien gelassen wurden, noch alleine sein mussten. Zwar nannte meine Oma es nicht Familienbett, aber ihrer Meinung nach gehörten Neugeborene und Säuglinge zur Mutter und Kuscheln und respektvoller Umgang gehörten für sie selbstverständlich dazu.
Also ist es für mich auf ganz vielen Ebenen kein Wunder, dass ihre Milchmenge gut war.

Hol dir Hilfe statt gegen dein Herz zu handeln

Also, wenn du das Gefühl hast, von dem Schreien deines Babys überwältigt zu werden, wenn du das Gefühl hast dass du nicht mehr kannst, hole dir GUTE Hilfe!

Wende Dich an eine Schreiambulanz, z.B. an Experten für sogenannte „Emotionelle Erste Hilfe“. Schreiambulanzen gibt es inzwischen an vielen Orten.

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Nicola Schmidt hat die Studie um die es aktuell geht in diesem Artikel etwas mehr beleuchtet.

In diesem Sinne: Entspannt stillen

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