Von Christina Law-McLean IBCLC
Durch gestiegene Kaiserschnittraten in Deutschland kommen inzwischen fast ein Drittel der Babys durch eine Schnittentbindung, die sogenannte „Sectio“, auf die Welt. Die Auswirkungen auf den Stillstart und das Stillen können durch diese Form der Geburt nicht unerheblich sein.
Gerade wenn Du sehr gerne Stillen würdest und als Schwangere bereits vorab weist, dass Dein Baby per Kaiserschnitt auf die Welt kommen wird, macht es deshalb Sinn sich schon einmal mit möglichen Problemen zu beschäftigen und damit wie Du diesen begegnen kannst.

1. Nach einem Kaiserschnitt bist Du in Deiner Beweglichkeit/Mobilität eingeschränkt:

Das heißt es fällt Dir schwerer, Dich um Dein Baby zu kümmern und die Bedürfnisse die es Dir signalisiert zu reagieren.
Klar auch nach einer Spontangeburt läuft man als Wöchnerin manchmal etwas „unrund“ oder muss sich wegen Kreislaufproblemen ein wenig einschränken. Aber man kann normalerweise selbst aufstehen und das Baby zu sich nehmen und anlegen wann immer man möchte. Als Mutter nach Kaiserschnitt hingegen bist Du –vor allem in den ersten Stunden- hierbei auf Hilfe angewiesen.
Diese Randbedingung lässt sich nicht wirklich verändern. Ein Kaiserschnitt ist nun einmal eine Operation. Zwar wird inzwischen recht früh „mobilisiert“, das heißt die Wochenbettschwestern stehen mit Kaiserschnittmüttern je nach Uhrzeit der OP bereits am gleichen Tag, spätestens aber am nächsten morgen auf. Dennoch wirst Du dies zunächst nur mit Hilfe können, zumal normalerweise dann auch noch der Blasenkatheter (ein kleiner Schlauch durch den Dein Urin in einen Beutel läuft, so dass Du nicht jedes Mal zum Wasserlassen auf die Toilette musst) liegt und oft auch eine Infusion für Flüssigkeit und Schmerzmittel läuft und alles etwas umständlicher macht.

Was kannst Du tun, dass dies nicht den Stillstart beeinträchtigt?

Suche Dir ein Krankenhaus aus, in dem 24h-Rooming-In praktiziert wird, dh. die Babys rund um die Uhr bei den Müttern bleiben dürfen. Nachdem ich gerade davon gesprochen habe, dass Du in Deiner Mobilität eingeschränkt bist, kommt Dir das nun vielleicht widersprüchlich vor. Ist es aber nicht. In einem Krankenhaus mit 24h Rooming-In ist das Pflegepersonal darauf eingerichtet Dir bei der Versorgung des Babys zu helfen.
Dennoch ist es zusätzlich sinnvoll, wenn Dein Partner oder eine vertraute Person bei Dir ist und Dir helfen kann. Z.B. dabei eine geeignete Position zu finden wenn Du mit Deinem Baby kuschelst.
Vielleicht ist es in der von Dir gewählten Klinik sogar möglich, ein sogenanntes Familienzimmer in Anspruch zu nehmen. Hierbei wird es deinem Partner ermöglicht, mit aufgenommen zu werden, damit er Dir rund um die Uhr helfen kann und Ihr die ersten Stunden und Tage gemeinsam verbringen könnt.
Diese zusätzliche Hilfe Deines Partners oder auch einer weiteren vertrauten Person hilft Dir, die Auswirkungen der eingeschränkten Bewegungsmöglichkeit auf den Stillstart stark zu reduzieren.
Wichtig: Mit der „zusätzlichen Hilfe“ sind nicht ständig wechselnde Besucherscharen gemeint, die Dir das Baby „abnehmen“. Gemeint ist zusätzlich zum Pflegepersonal ein kleiner Kreis von vertrauten Personen (z.B. Dein Partner, Deine Mutter, Deine Schwester oder eine gute Freundin), dir Deinem Baby und Dir helfen gemeinsam zur Ruhe zu kommen. Dein Baby soll Dir nicht „abgenommen“ werden!
Babys brauchen viel Nähe, egal ob Kaiserschnitt oder Spontanentbindung. Gerade bei einem Kaiserschnitt sind Hautkontakt und Kuscheln besonders wichtig für Dein Baby und Dich! Denn vor allem Kinder die durch einem geplanten Kaiserschnitt auf die Welt kommen haben auch hormonell eine ganz andere „Geburtsreise“ hinter sich als spontan geborene Babys. Eine Extraportion Nähe und gemeinsames Ausruhen von der Operation hilft Deinem Baby und Dir deshalb auch auf hormoneller Ebene beim Stillstart. Zusätzlich fällt es Dir leichter, Dein Baby früh und häufig anzulegen, wenn es sowieso auf Deiner Brust kuschelt. Und wenn Dein Baby noch zu erschöpft zum Trinken ist und nur an der Brustwarze schleckt, so kann es dennoch Kontakt mit Deiner Brust aufnehmen. Auch das ist wichtig. So erhält Dein Kind quasi die „familieneigene Bakterien Flora“.

2. Nach einem Kaiserschnitt wirst Du Schmerzen haben

Hier gibt es nichts zu beschönigen. Ja, ein Kaiserschnitt kann in den auf die Operation folgenden Stunden und Tagen ganz schön weh tun.
Deshalb bekommen Kaiserschnittmütter auch in dieser Zeit meist regelmäßig Schmerzmittel. Du brauchst wegen dieser Medikamente keine Sorgen wegen Deines Babys machen. Die auf Wochenstationen verwendeten Schmerzmittel sind stillverträglich.
Dein Schmerzlevel hat auch ganz direkt mit Deinem Stillstart zu tun: Die für den Ablauf des Stillens und für die Milchbildung verantwortlichen Hormone wie z.B. Oxitozin und Prolaktin werden durch Schmerz und Stress negativ beeinflusst. Das heißt dass wenn Du starke Schmerzen hast oder auch bereits wenn Du erwartest gleich starke Schmerzen zu haben, fällt es Deinem Körper in diesem Moment schwer, gleichzeitig die Milch fließen zu lassen.

Was kannst Du also tun, dass dies den Stillstart nicht zu sehr beeinträchtigt?

Informiere die Dich betreuende Schwester über Deine Schmerzen und sage ihr auch, welche Medikamente Dir gut und welche weniger gut geholfen haben. So kannst Du mit ihr besprechen, was Dir am besten helfen kann. Wichtig: Spiele nicht die Heldin. Es ist besser, das Schmerzlevel gar nicht erst voll ansteigen zu lassen, sondern bereits rechtzeitig wenn Du merkst dass die Wirkung nachlässt Bescheid zu geben.
Maßnahmen wie die sogenannte „Mobilisation“ also das Aufstehen und herumlaufen helfen unter dem Strich dabei, weniger Schmerzen zu haben auch wenn es Überwindung kostet. Durch die sanft gesteigerte Bewegung stabilisiert sich zum einen Dein Kreislauf und zum anderen hilft es, Deine Verdauung sachte wieder in Gang zu bringen. Das ist bei der Vermeidung von Schmerzen deshalb wichtig, weil diese nach einem Kaiserschnitt nicht nur von der OP-Naht selbst sondern zu einem Teil auch von Blähungen kommen können. Diese entstehen, wenn die Verdauung durch zu wenig Bewegung träge bleibt.
Zusammenfassend gesagt helfen Dir Schmerzmittel und behutsam gesteigerte Bewegung dabei, weniger Schmerzen zu haben und im wahrsten Sinne des Wortes „wieder auf die Beine zu kommen“. All das wiederum ist gut für Euren Stillstart.

3. Dein Baby ist entweder sehr unruhig oder sehr schläfrig, es ist „noch nicht angekommen“

Manchmal müssen Babys die Erlebnisse rund um ihre noch „verarbeiten“. Bei Kaiserschnittkindern –gerade bei einem geplanten Eingriff dem keine Wehen vorausgegangen sind- beobachtet man häufiger, dass sie einfach noch etwas Zeit brauchen zu verstehen was passiert ist, also quasi „anzukommen“.
Das hat auch Einfluss auf das Stillen in den ersten Stunden und Tagen. Denn zwar ist es wünschenswert, dass ein Baby rasch nach der Geburt das erste Mal an der Brust trinkt und auch in der natürlichen Wachphase der ersten Stunden, häufig an die Brust geht. Aber manchmal klappt das nicht. Manche Neugeborenen möchten in dieser Zeit einfach noch nicht stillen. Die Art der Reaktion hängt auch von den Randbedingungen und dem Temperament des Babys ab. Manche verarbeiten durch Schreien und Unruhe: Es gibt Neugeborene, die tatsächlich zu „erzählen“ scheinen, was sie bedrückt, die ihren Kummer „herausschreien“.

Was kannst Du in dieser Situation tun?

Diese Unruhe ist nichts Besorgniserregendes. Gib Deinem Baby viel Nähe, sprich mit ihm und gib ihm das Gefühl, dass „seine Geschichte auch gehört wird“. Biete ihm ruhig auch immer wieder die Brust an.
Andere Babys reagieren erst einmal mit „abschalten“ und sind schläfrig. Sie empfinden all diese Eindrücke als zu viel, zu anstrengend oder zu überfordernd. Sie reagieren gerade andersherum, sie ziehen sich quasi zurück, sind schläfrig oder schlafen über Stunden.
Was kannst Du in diesem Fall tun?
Auch hier ist der enge Kontakt wichtig: Am besten Hautkontakt auf Deinem Oberkörper. Die Nähe, der Geruch von Mama und die Brust „direkt vor der Nase“ können helfen, diese Babys aus ihrem Rückzug herauszuholen und ihnen Hunger auf Mamas Brust zu machen.

4. Der Stillstart kann verzögert sein

Dass Du und Dein Baby bei einem Kaiserschnitt auch hormonell eine ganz andere „Geburtsreise“ hinter Euch habt, hatte ich oben bereits erwähnt. Zusätzlich kommen die bereits aufgezählten erschwerten Randbedingungen. Beides sorgt bei vielen Stillenden nach einer Schnittentbindung dafür, dass der Übergang von der Phase in der Deine Brust Neugeborenenmilch/ Kolostrum für das Baby gebildet hat in die Phase der dauerhaften reifen Milchbildung ein wenig länger dauert. Sehen kannst Du das zum Beispiel daran, dass der sogenannte Milcheinschuss sich etwas später bemerkbar macht.

Was kannst Du tun um dies zu vermeiden?

All die bisher aufgezählten Maßnahmen sind auch hier wichtig, sie gehen Hand in Hand. Viel Kontakt, Nähe und Kuscheln mit Deinem Baby, frühes und häufiges Anlegen Deines Babys. Wenn Dein Baby noch nicht so richtig trinken möchte: Zusätzliches stimulieren Deiner Brust zum Beispiel durch Ausstreichen von Hand um die Milchbildung anzuregen.

5. Trennung von Mutter und Kind aus medizinischen Gründen

Da Kaiserschnitte oft auch aus medizinischen Gründen wie bei Frühgeburten oder bei einer rasch voranschreitenden Schwangerschaftsvergiftung gemacht werden, kommt es deshalb nach der Geburt auch immer wieder einmal dazu, dass Mutter und Kind trotz der Möglichkeit von 24h-Rooming-In zunächst getrennt werden. Entweder weil das Baby noch intensiverer Betreuung in der Kinderklinik bedarf oder weil es der Mutter in der ersten Zeit noch nicht so gut geht und sie auf einer anderen Station beobachtet werden muss.

Was kannst du tun um eine negative Auswirkung auf den Stillstart zu reduzieren?

Ist dies der Fall, kann man an der räumlichen Trennung an sich zunächst nichts ändern. Was man aber dennoch versuchen kann, ist so viel Kontakt als möglich herzustellen. Bei einer räumlichen Trennung aus medizinischen Gründen ist dieser Kontakt zwar oft zumindest teilweise möglich, aber ein (regelmäßiges frühes) Anlegen häufig noch nicht von Anfang an. Wichtig ist es deshalb, die Milchbildung trotzdem anzuregen, damit Deine Milchbildung in Fahrt kommt und Du auch ausreichend Milch hast wenn dann später Anlegen möglich ist. Außerdem profitieren gerade kranke oder frühgeborene Babys von jedem Tropfen Muttermilch.

Deshalb ist in solchen Fällen meist die Anregung der Milchbildung und Gewinnung von Muttermilch mit der Pumpe angezeigt. Zusätzlich oder auch überbrückend kannst Du die Brust auch durch das Entleeren von Kolostrum mit der Hand stimulieren und Neugeborenenmilch gewinnen. Beides, sowohl das Abpumpen als auch das Entleeren von Hand solltest Du Dir auf der Station gut erklären lassen. Wenn Dir die Informationen dort nicht ausreichen oder Du Dich bereits vor der Geburt informieren möchtest, kannst Du auch HIER ausführliche Informationen bekommen.

Wie Du siehst zieht sich in meinen Empfehlungen zur Stillförderung nach Kaiserschnitt die Themen Nähe, Hautkontakt und Bonding wie ein roter Faden durch diesen Blogartikel. Natürlich sind sie auch bei Müttern mit Spontangeburten wichtig. Aber es ist mir wichtig, dass auch Sectiomütter und deren Angehörige wissen, welchen hohen Stellenwert diese innigen Momente der Nähe für einen guten Stillstart nach einer Schnittentbindung haben.

In diesem Sinne: Entspannt stillen…

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