Von Christina Law-McLean IBCLC

yawn„Den ganzen Tag über klappt es eigentlich ganz gut, aber gegen Abend habe ich das Gefühl, dass mein Baby nur noch trinken möchte. Und wenn es kurz zufrieden war, so will es nach 10 oder 15 Minuten schon wieder Trinken und das für eine oder zwei Stunden, was mache ich falsch?“

Kommt Dir diese Szene bekannt vor? Dann bist Du hier genau richtig!

Mütter bei denen es (vielleicht auch erst seit kurzem) Abends so zugeht, haben oft das Gefühl, dass „irgendetwas nicht stimmt“ oder sie etwas falsch machen oder sie zu wenig Milch haben und die Gedanken beginnen zu kreisen. Die gute Nachricht vorweg: Ihr seid nicht allein! Solche Phasen erleben nahezu alle Eltern junger Säuglinge. Die „schlechte“ Nachricht: Dieses Verhalten Eures Babys ist sogar ganz normal! Das heißt, Euer Baby macht das weder weil Ihr etwas falsch macht, noch weil es Euch ärgern will. Es möchte manchmal einfach oft stillen, das ist normal.

Clusterfeeding ist normal

Die Sache mit diesen Phasen des „ständig Trinken Wollens“ hat sogar einen Namen, sie wird „Clusterfeeding“ genannt. Ein englischsprachiger Begriff der beschreibt wofür er steht: „Cluster“ steht für „Häufung“ oder auch „Ansammlung“ und „Feeding“ für Mahlzeiten. Eine Häufung an Mahlzeiten also.
Leider sind die meisten Mütter eher überrascht, wenn ihr Baby bereits kurz nach der Mahlzeit schon wieder trinken möchte. Wenn wir uns die Empfehlung bezüglich der Anzahl der Mahlzeiten ansehen, die gängigerweise von uns Stillberaterinnen gegeben wird, so wirst Du feststellen, dass bei der Angabe von „mindestens 8-12 Mahlzeiten innerhalb 24 Stunden“ durchaus Spielraum dafür ist, dass auch einmal 5 Mahlzeiten in 1,5 Stunden passen. Ebenso passt es zur gleichen Empfehlung, dass das Baby danach dann jedoch längere Zeit schläft.

Wenn man die Muster der Stillmahlzeiten von Müttern und Babys von Naturvölkern betrachtet, wie beispielsweise Hewitt in North Fore, Papua Neu Guinea , findet man verteilt über 24 Stunden Bilder wie die folgenden. Wichtig dabei auch, die Verteilung der Mahlzeiten unterscheidet sich von Tag zu Tag:

 

Also kein gleichmäßig über den Tag verteiltes 2, 3 oder gar 4 stündiges Schema! Und: Es stört die Mütter kein Bisschen, sie finden das ganz normal. Ich wage sogar zu vermuten, dass sie ganz besorgt wären, wenn ein Baby lediglich alle 4 Stunden trinken wollen würde. Danach gefragt wie oft und wie lange Ihr Baby trinkt könnten diese Mütter höchstwahrscheinlich überhaupt gar keine Antwort geben, außer vielleicht „es darf trinken wann es möchte“, denn sie tragen es immer bei sich und sobald es trinken möchte, trinkt es eben. Das Ganze in Zahlen oder Regeln zu packen erscheint Müttern in Papua Neu Guinea vermutlich schlichtweg absurd.

Warum machen Babys das?

Ganz klar, wir sind kein Naturvolk und in unserem Alltag gibt es ganz andere Randbedingungen. Aber ich habe in der Überschrift versprochen, dass ich Dir erkläre WARUM Dein Baby manchmal einfach öfters trinken möchte.

Das eben Beschriebene ist einer der Gründe: Babys sind entwicklungsgeschichtlich genau so „gestrickt“ wie die Kinder die bei Naturvölkern auf die Welt kommen. Sie sind „Traglinge“ die einen relativ kleinen Magen haben, welchen sie mit mehr oder weniger häufigen kleinen Mahlzeiten füllen. Diese Mahlzeiten bestehen aus leicht verdaulicher Muttermilch und wandern rasch durch Magen und Darm. Zusätzlich wächst der noch recht unreife Babykörper in den ersten Wochen so schnell wie später nie wieder und natürlich braucht Dein Baby hierfür eine Menge Energie. Diese Energie zu decken, wird schwierig bis unmöglich, wenn es dauerhaft nur alle 4 Stunden trinken darf oder über seinen Hunger hinweggetröstet wird, weil man denkt „das kann doch nocht schon wieder hungrig sein!“. Manchmal braucht es einfach mehr Deiner Milch. Dabei regt es zusätzlich dazu dass es öfters trinkt praktischerweise auch die Milchbildung für die nächsten Tage verstärkt an.

Nützlicher Hunger auf Milchvorrat

Der Hunger Deines Baby wird außerdem anfangs zu einem Teil von dem Hormon Cholecystikinin (CCK) gesteuert. Beim Saugen steigt der Wert an und sagt ihm nach ca. 20 Minuten dass es satt ist. Sobald der Wert aber nach 10-20 Minuten wieder sinkt, fühlt Dein Baby dass es wieder Hunger hat. Dieser Ablauf kann sich manchmal mehrfach wiederholen, bis Dein Baby danach in eine längere Schlafphase fällt. Das macht auch Sinn, denn Muttermilch ist sehr leicht verdaulich und passiert Magen und Darm recht schnell (etwa in 90 Minuten). Durch dieses Clusterfeeding füllt Dein Baby seinen Bauch quasi auf Vorrat auf für eine längere Schlaf oder Ruhephase.

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Und was nun?: Der beste Plan ist kein fester Plan

Auf diese „Programmierung“ Deines Babys reagierst Du am besten, indem Du Dein Baby ohne ein festes Schema trinken lässt wann und wieviel es möchte. Ich weis, für die meisten Mütter, vor allem beim ersten Kind, hört sich das verunsichernd unberechenbar an. Aber Du wirst feststellen, dass dieses flexible „Nicht-Schema“ Deinen Tagesablauf viel entspannter macht, als Du es denkst. Denn so kann Dein Baby sich an Deinen Tagesplan anpassen und nicht andersherum. Denn genau das passiert, wenn man versucht einem festen Stillmahlzeiten-Schema zu folgen. Plötzlich fängt man an, die eigenen Dinge und Vorhaben zu verschieben oder gar abzusagen, weil es nicht ins Trinkschema des Babys passt.

Genau so ist es mit der Dauer der Trinkmahlzeit. Klar gibt es auch hier Anzeichen, die zeigen können, dass Dein Baby mit der Mahlzeit fertig ist, am deutlichsten zum Beispiel, es schläft ein und lässt los. Aber dem sollte man sich nicht bedingungslos unterwerfen. Manchmal ist man sich einfach nicht sicher. Es ist nicht schlimm, wenn man dann einfach das Baby von der Brust löst. Wenn es noch nicht genug war, wird Dein Baby sich melden und es bekommt einen kleinen Still-Nachschlag.

Lieber öfters anlegen, als Marathon-Stillen

Oft sehe ich Mütter die Ewigkeiten stillen und natürlich frustriert sind. Ich glaube es steckt meist die Hoffnung dahinter, dass die Babys dann länger schlafen. Ganz abwegig ist der Gedanke zwar nicht, denn beim „Clusterfeeding“ haben wir ja ein ähnliches Phänomen. Aber es ist doch ein deutlicher Unterschied, ob man das Baby nach vielleicht 25 Minuten von der Brust löst und gegebenenfalls 15 Minuten später doch nochmal anlegt oder ob man über eine Stunde „durchstillt“, sowohl vom eigenen Erleben, als auch von der hormonellen Seite. Die Milchproduktion wird besser angeregt, wenn man öfters anlegt und nicht wenn man Marathon-Stillt.

Von der Coolness anderer Säugetiermütter lernen

Die amerikanische Stillberaterin Diane Wiessinger hat 2006 in dem Artikel „How babies eat“ einen treffenden Vergleich mit stillenden also säugenden Tiermüttern unter anderem in folgenden Beispielen so formuliert:

„Wenn eine Gorillamutter mit ihrem Baby an der Brust eine Banane nicht erreicht, löst sie es einfach von der Brust. Sie sorgt sich nicht darum, ob es vollgetrunken ist oder nicht. Wenn es unruhig wird, legt sie es wieder an, nachdem sie sich die Banane genommen hat.
Hunde denken nicht über Milch nach; sie säugen, weil es sich gut anfühlt und die Welpen vom Kläffen abhält.“
Von dieser entspannten Einstellung können sich Menschenmütter etwas abschauen.

Übrigens, das mit dem oft abendlichen „Clustern“ geht vorbei. Babys zeigen dieses Muster nicht die ganze Stillzeit hindurch. Ab wann genau sie das nicht mehr tun kann man aber leider nicht exakt vorhersagen, da es eine recht individuelle Entwicklung ist.

24h-Clusterfeeding, gibt es das Auch?

Wenn Dein Baby nicht nur einzelne Phasen am Tag hat in denen es clusterfeedet, sondern dieses Muster den ganzen Tag und die Nacht über zeigt, kann das unter anderem ein Zeichen dafür sein, dass Dein Baby Deine Brust nicht effektiv entleert. Das heißt, es kann vorkommen, dass Du zwar genug Milch hast, Dein Baby aber noch Schwierigkeiten dabei hat, diese auch effektiv aus Deiner Brust zu entleeren. Es kann aber auch viele andere Gründe geben.

Das ist dann aber auf jeden Fall eine Situation, in der Du Dir Hilfe von einer Stillberaterin oder Hebamme suchen solltest. Oft kann man Durch kleine Änderungen an der Position oder an Eurem „Stillschema“ schon helfen. Aber wenn das nicht ausreicht, kann sie Dir auch helfen, herauszufinden an was es sonst noch liegen könnte.

In diesem Sinne: Entspannt stillen!


Artikel (Englisch): „How babys eat“ von Diane Wiessinger, 2006 

Außerdem empfehle ich allen Eltern die mehr darüber erfahren möchten, warum Babys und Kleinkinder sich verhalten wie sie sich verhalten, die Lektüre folgenden Buchs:„Kinder verstehen“ von Dr. Herbert Renz-Polster

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